Angedacht

Liebe Leserinnen und Leser!

Wenn Leute heute das Wort ‘Kirche’ hören, löst das die unterschiedlichsten Reaktionen aus. Die einen denken dabei an ihre Kirche vor Ort - das Gotteshaus, in dem sie getauft und konfirmiert wurden, vielleicht auch geheiratet haben; in dem sie Gottesdienst mitgefeiert haben, die ihnen viel bedeutet haben: Weil sie getröstet, leichter, froher nach Hause gegangen sind, als sie hingegangen sind. Andere denken an die unerquicklichen Nachrichten, mit denen Kirche von sich reden macht: Missbrauchsskandale oder die Absage an die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Und wieder anderen fällt zur Kirche nur noch ‘Gähn’ ein.
Gerade in einer Zeit, in der Kirche nicht mehr auf ein selbstverständliches Wohlwollen stößt, ist es wichtig darüber nachzudenken, was Kirche eigentlich ist, was Kirche sein könnte. Und dazu wollen wir Sie mit diesem Gemeindebrief einladen. Glücklicherweise sind wir bei diesem Nachdenken über Kirche nicht auf unsere eigenen Einsichten beschränkt. Wohin Kirche in der Zukunft gehen soll - auch Kirche in Deizisau -, wollen wir im Gespräch mit Ihnen überlegen. Um das sinnvoll zu tun, ist es wichtig, dass wir uns dabei auch auf das unverhandelbare Fundament zurückbeziehen, das wir selbst nicht gelegt haben.
Über dieses Fundament hat der Apostel Paulus in seinem 1. Brief an die Korinther intensiv nachgedacht. Die Gemeinde in Korinth war eine Gemeinde, in der so viele so genau wussten, wie sie Kirche sein wollten. Leider waren sie sich ziemlich uneins. Da gab es die einen, für die Kirche sich vor allem in ekstatischen Erfahrungen zeigte. Da gab es die anderen, die ihre Freiheit in Christus dahingehend verstanden, ihr Ego auf Kosten anderer auszuleben, etc.pp.
Paulus erinnert sie deshalb daran, dass sie sich nicht sich selbst verdanken - so wie auch wir uns nicht uns selbst verdanken. Alles, was sie sind und haben, hat Gott an ihnen durch den Heiligen Geist gewirkt. Dem einen hat Gott Weisheit gegeben, einer anderen die Fähigkeit zu reden, einem dritten den Glauben, einer vierten zu heilen ...

Entscheidend aber ist, dass jede dieser Gaben zum Nutzen des Ganzen eingesetzt wird.
Für mich heißt das, dass Kirche da ist, wo Menschen sich von Gott gerufen wissen, sich mit ihren ganz unterschiedlichen Fähigkeiten in die Gemeinde einbringen. Jede davon wird gebraucht; keine ist wichtiger als die andere. Auch der Glaube ist nur eine Gabe, die der Geist wirkt. Andere haben die Gabe des Zweifels. Wieder andere haben die Gabe, mit ihren Händen anzupacken. Nichts ist größer und besser als das andere, weil alles Gaben Gottes sind. Entscheidend ist nur, dass alle im Vertrauen auf Gott zusammenwirken. Das hört sich vielleicht ein bisschen anarchisch an - ohne klare Linie, ohne die heute so viel beschworene corporate identity, die Manager ihren Unternehmen so gerne verpassen. Als Kirche vertrauen wir darauf, dass Gott die verschiedenen Gaben und Aktivitäten, die wir von ihm haben, zu einem Ganzen zusammenfügt; dass er weiß, wie er unsere Gaben nutzen möchte. Und ganz so anarchisch ist es dann ja auch wieder nicht. Alle Gaben, die wir haben sind schön und gut. Aber drei davon sind besonders wichtig, und deshalb legt Paulus sie den Korinthern eigens ans Herz: Glaube, Liebe, Hoffnung. Diese drei sollen unsere corporate identity ausmachen, sollen bestimmen, wer wir im Kern als Kirche sind. Diese drei schulden wir der Welt: Den Glauben, dass die Wirklichkeit - unsere Welt - mehr ist als das, was wir mit unseren Augen sehen und mit unseren technischen Geräten messen, nämlich dass sie in Gott ein unsichtbares Geheimnis hat, das sie erst zu dem macht, was wir eine menschliche Welt nennen. Dann die Liebe, die jede Wirklichkeit zum Guten verwandeln kann. Und schließlich die Hoffnung, die uns die Kraft gibt, diesen Glauben zu bezeugen und den Weg der Liebe trotz allem beharrlich weiterzugehen. Wenn Sie vom Voranstehenden irgendetwas angesprochen hat, sind Sie in unserer Kirchengemeinde genau richtig. Wir sind eine Mitmachgemeinde. Kommen Sie doch zu unserem Gemeindeworkshop am 12.4. und überlegen Sie mit!



Dieses Zutrauen wünscht ihnen

Unterschrift Pfarrerin Gudrun Holtz