Angedacht

Machen Sie schon mit? Sind Sie mit dabei beim Veggie-Day? Ernähren Sie sich einen Tag in der Woche fleischlos und tragen so zum Klimaschutz bei? Vielleicht sind Sie ja auch Teil der „Five-A-Day“ Gemeinde und essen bewusst fünf Portio- nen Obst oder Gemüse am Tag, weil das gut für die Gesundheit ist. Oder gehö- ren Sie zu den BIO-Siegel-Fans oder eher zu den Befürwortern der Lebens- mittel-Ampel, die seit September eingeführt werden soll? Eine Kennzeichnung, die „grünes Licht“ gibt, wenn ein Lebensmittel wenig Fett, Salz oder Zucker enthält.
Die Frage nach der richtigen Ernährung wird in unserer Gesellschaft manchmal fast wie eine Glaubensfrage behandelt. Deshalb ist es sicher erlaubt, zu fragen, was Jesus wohl dazu gesagt hätte. Ich nehme an, es wäre ihm wichtig gewesen, dass wir mit unserer Ernährungsweise nicht die Natur aus dem Gleichgewicht bringen, die Gott gut geschaffen hat. Aber mindestens ebenso wichtig war ihm noch etwas anderes. In einer seiner öffentlichen Reden sagte er einmal:
„Nichts, was der Mensch von außen in sich aufnimmt, kann ihn unrein machen. Nur das, was aus ihm herauskommt, macht ihn unrein!“ (Markus 7,15).
Das gibt mir zu denken. Jesus spricht eine Entwicklung in unserer Gesellschaft an, die ich für mindestens ebenso besorgniserregend halte, wie den Trend zu ungesunder Ernährung: den Trend zu liebloser,
respektloser Kommunikation ohne Rücksicht auf die Wahrheit, auf die Gefühle, die Würde und die Not anderer Menschen.
Es macht etwas mit uns und mit unserer Gesellschaft, dass Begriffe wie „Asyltourismus“ regelmäßig in der Presse zu lesen sind oder wenn (wie im ver- gangenen Jahr) ein Bundestagsabgeordneter die NS-Diktatur, und die unsägli- chen Leiden, die sie mit sich gebracht hat, als „Vogelschiss“ bezeichnet. Es prägt die Art, wie wir miteinander umgehen, wenn Spitzenpolitiker Lügen als probates Machtmittel nutzen oder notwendige sachliche Kritik am politischen Gegner in herabwürdigende Beschimpfungen verpacken. Drohungen an An- dersdenkende, rassistische oder judenfeindliche Witze und Beschimpfungen gehören in sozialen Medien und immer öfter auch auf Schulhöfen zur Tagesord- nung. Was aus dem Menschen herauskommt, macht ihn unrein. Jesus hält uns nicht den moralischen Zeigefinger vor. Stattdessen erinnert er uns an unsere Würde: Es macht deine Würde als Mensch aus, dass du im Anderen—ganz gleich, wie er aussehen, denken, leben oder glauben mag, den Bruder oder die Schwester erkennst, die Gott ebenso liebt wie dich. Ich glaube, viel dringender als eine Lebensmittelampel bräuchten wir zur Zeit eher eine Sprachampel, die anzeigt, wenn wir lieblos und respektlos sind.
Machen Sie mit?
Signatur-Clemens