An(ge)dacht:

Liebe Leserinnen und Leser!


Liebe Leserin, lieber Leser, auch wenn gerade das Corona-Virus viele andere Themen in den Hintergrund treten lässt - ich schreibe diesen Artikel am 28. Februar -, so gibt es doch andere Fragen, die uns wohl auf weit längere Sicht beschäftigen werden. Dazu gehört ganz gewiss der Klimaschutz oder, christlich formuliert: die Bewahrung der Schöpfung. Weil dies eine so drängende Frage ist, hat das Gemeindebriefteam beschlossen, sich mit dem Thema einmal in einem Gemeindebrief ausführlicher zu beschäftigen. Und so will auch ich mir ein paar Gedanken dazu machen.
Ja, die Veränderungen des Klimas sind in der Tat besorgniserregend. In diesen Wochen fallen Milliarden von Heuschrecken über Länder Ostafrikas her und fressen alles kahl. Die Bauern versuchen verzweifelt, die Tiere von ihren Feldern zu vertreiben, um die Nahrungsmittel für Millionen von Menschen zu retten. Das, so heißt es, sei eine Folge des Klimawandels. Als eine andere Folge gelten die Temperaturrekorde in der Antarktis. Am 6. Februar soll es dort so warm gewesen sein wie in Los Angeles, das für sein warmes Wetter bekannt ist. Zwei zufällige Nachrichten, die unschwer vermehrt werden könnten.
Ich selbst gehöre zu denen, die den Klimawandel nicht mit einer leichten Handbewegung abtun. Ich versuche auch meinen ökologischen Fußabdruck so gering wie möglich zu halten. Unsere Zimmertemperaturen halten wir im Winter auf 19 Grad, viele Zimmer, die Küche z.B., heizen wir überhaupt nicht. Da können die Temperaturen in kalten Wintern schon einmal auf 12 Grad runtergehen. Es gibt ja Pullis zum Drüberziehen. Wir versuchen unseren Fleischkonsum gering zu halten, das Auto, wenn möglich, stehen zu lassen und unsere Kleidung abzutragen. Ich will mich hier aber nicht zur Klimaheiligen stilisieren. Das bin ich nicht. Ich fliege immer noch gerne ab und an Langstrecke in den Urlaub, auch wenn ich mir vorgenommen habe, in Zukunft das ausgestoßene CO2 zu kompensieren.
Insofern stößt Greta Thunberg bei mir mit ihren zornigen Worten durchaus auf offene Ohren: “How dare you!” - “Wie könnt ihr Erwachsenen es wagen” -, mit eurem klimaschädlichen Verhalten einfach so weiterzumachen und uns Jungen die Zukunft zu rauben!? Auch ihre Worte an die jüngere Generation habe ich vernommen: “Ich will nicht, dass ihr hoffnungsvoll seid! Ich will, dass ihr in Panik geratet!” Ich teile ihre Analyse, dass die Regierungen dieser Welt tätig werden sollten und jede und jeder Einzelne, soweit es in seinen Möglichkeiten steht, auch. Zum Generationenkonflikt taugt das Ganze sicher nicht, zumal wir inzwischen wissen, dass das weltweite Internet nicht weniger klimaschädlich ist als der gesamte Flugverkehr. Wie sich all das auf die Generationen verteilt, mag jeder für sich selbst beurteilen.
Was mich aber richtiggehend ärgert, ist wenn der Klimaschutz zur Ersatzreligion wird. Greta Thunberg und andere werden nicht müde, uns einzuimpfen, dass wir “der Wissenschaft” und “den Experten” glauben müssen; dass die Maßnahmen, die “die Wissenschaft” vorschlägt, 1:1 umgesetzt werden müssen. Das sei der einzige Weg zur Rettung des Planeten. Das ist Religion pur. Keine Religion zwar, die an Gott glaubt. Hier wird aber die Klimawissenschaft zum Gott gemacht, und die Wissenschaftler und Klimaaktivistinnen werden zu ihren Propheten. Ich glaube an Gott. Er ist der einzige, an den ich glaube. An Menschen und ihre Errungenschaften glaube ich nicht. Und deshalb möchte ich mir meine Skepsis gegen die Wissenschaft bewahren. Auch ihre Ergebnisse sind nicht über jeden Zweifel erhaben.

Waren z.B. nicht Wissenschaftlerinnen und Umweltaktivisten vor einiger Zeit noch vollkommen überzeugt, dass der Atomausstieg das Gebot der Stunde sei? Deutschland ist diesen Weg damals mit guten Gründen gegangen. Um den Energiebedarf dennoch zu stillen, wurde in den letzten Jahren Energie aber nicht nur aus Sonne und Windkraft gewonnen, sondern auch viel Kohle verfeuert. Kohle aber gilt als der klimaschädlichste Energieträger überhaupt!
Denken Sie nicht, dass ich darüber Schadenfreude empfinden würde. Ich nehme nur zur Kenntnis, dass vermeintlich gut durchdachte Lösungen sich im Nachhinein nicht als die allein seligmachende Lösung herausstellen. Das Prinzip der Wissenschaft ist es ja gerade, zu experimentieren und nach der besten Lösung zu suchen. Wenn Wissenschaft gute Wissenschaft ist, dann weiß sie, dass ihre Ergebnisse vorläufig sind und durch neue Erkenntnisse abgelöst werden. Deshalb gibt es in Sachen Klimaschutz nichts, aber auch gar nichts zu glauben. Schon gar nicht an die eine Lösung.
Manche Klimaschützer/innen sind davon beseelt, die Welt zu retten, und nehmen die Wirklichkeit dabei nur unzureichend zur Kenntnis. Es ist ja schön, wenn wir in Deutschland oder in Schweden verstanden haben, dass Kohle ein äußerst klimaschädlicher Energieträger ist. Indien dagegen setzt für seine Wirtschaftsentwicklung auf Kohle. Wir hier im wohlhabenden Europa werden doch nicht im Ernst der indischen Bevölkerung mehr Wohlstand verwehren wollen! Vielleicht wäre es sinnvoller, Indien die beste deutsche Technologie zur Verfügung zu stellen, damit die Kohlekraftwerke dort so wenig wie möglich CO2 ausstoßen. Das entspricht dann nicht unseren hehren Idealen. Am Ende ist damit aber für das Klima mehr gewonnen, als wenn indische Kohlekraftwerke ohne neueste Abgasfilter betrieben werden. Das mag aus der Sicht europäischer Klimaschützer eine schlechte Lösung sein, sie ist aber möglicherweise die bestmögliche. Die indische Regierung wird sich sicher nicht von europäischen Wohlstandsbürger/innen vorschreiben lassen, wie die Zukunft ihres Landes auszusehen hat. Dazu sind die Erinnerungen an den Kolonialismus dort noch zu lebendig.
Klimaschutz eignet sich nicht als Religion, als Glaubensüberzeugung. Klimaschutz ist ein Weg vieler kleinerer und größerer Schritte. Panikaufrufe und klimareligiös gefärbte Untergangsprophetien sind da wenig hilfreich. Dass Klimaschutz für manche zur Ersatzreligion geworden ist, zeigt sich für mich auch daran, dass der Diskussion nicht selten jede Leichtigkeit abgeht. Ein Kabarettist hat es gewagt, die ironische Frage zu stellen, was Greta Thunberg im Winter macht und darauf die Antwort gegeben: “Heizen kann es ja nicht sein”. Er hat dafür einen regelrechten shit-storm geerntet. Ich lerne daraus: Über Greta Thunberg dürfen keine Witze gemacht werden. Über sie darf nicht gelacht werden, anders als über andere Personen, die die Öffentlichkeit suchen.
Früher durfte man keine Witze über Gott oder über Jesus Christus machen. Christen fühlten sich in ihren religiösen Gefühlen gekränkt, so wie eine meiner Studienkolleginnen, als sie sich den Film “Das Leben des Brian” anschaute - damals eine moderne Persiflage auf das Leben Jesu. Offenbar fühlen sich die Anhänger/innen Thunbergs gekränkt, wenn Witzchen über sie gerissen werden. Als Theologin verstehe ich das so, dass eine Vertreterin der Klimareligion Ehrerbietung verdient. Die Bibel lehrt mich, dass das keinem Menschen zukommt. Klimaschutz taugt auch in einer gottarmen Zeit nicht als Ersatzreligion. Er ist ein ganz und gar irdisches Geschäft und soll das auch bleiben.

Da bin ich gerne dabei!

Unterschrift Pfarrerin Gudrun Holtz