An(ge)dacht

Liebe Leserinnen und Leser!


was ist Leben? Was ist wahres Leben? Wo finde ich es? Das sind Grundfragen des menschlichen Lebens. Wir alle haben Lebenshunger. Wir wollen leben und versuchen, das Leben festzuhalten, selbst dann, wenn wir schon sehr alt und gebrechlich geworden sind. Der Lebenstrieb ist wohl der stärkste Trieb, den wir haben.
Aber so sehr der Lebenstrieb uns auch unter den schwierigsten Bedingungen an unserem physischen Leben festhalten lässt, so genügt uns das physische Leben doch keineswegs. Sobald einmal das blanke Überleben garantiert ist, weil wir genug zu essen haben und ärztlich gut versorgt sind, geht es wohl den meisten Menschen um das gute Leben, um gelingendes Leben. Was das ist, ist natürlich strittig. In den westlichen Gesellschaften wird darüber gerade eine heftige Auseinandersetzung geführt. Gehört es zum guten, zu einem gelingenden Leben, wenn wir die Lebensressourcen mit anderen Menschen teilen sollen, oder haben wir im Westen, in Deutschland ein exklusives Recht auf Leben? Haben in diesem Land nur gebürtige Deutsche ein Recht zu leben; nur gebürtige Deutsche das Recht auf ein gutes Leben, auf Teilhabe an den Wohltaten des Sozialstaates?
Das sind Fragen, die unsere Gesellschaft derzeit aufwühlen. Dazu gibt es viele Antworten. Ich möchte mich mit der Frage nach dem guten, dem gelingenden Leben von unserer Bibel inspirieren lassen. Da sagt Jesus einmal: “‘Gottes Brot ist dasjenige, das vom Himmel herabkommt und der Welt Leben gibt’. Da sagten sie zu ihm: ‘Herr, gib uns allezeit dieses Brot’. Jesus sagte zu ihnen: ‘Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nicht mehr Hunger haben, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben’.” (Johannes 6,33-35).
Wenn es um das gute, das gelingende Leben geht, dann finden wir die Antwort nicht bei uns selbst, sondern bei Gott. Dieser Blickwechsel ist alles entscheidend. Das Leben gebe ich mir nicht selbst, Leben empfange ich. Das ist natürlich eine Binsenweisheit. Leider vergessen wir sie nur allzu oft, wenn es um unser eigenes Leben geht. Dann lassen wir uns vom eigenen Lebenstrieb, von der eigenen Lebensgier leiten und vergessen, dass uns das Leben schon immer entgegenkommt. Das gilt nicht nur für das leibliche Leben, das wir von unseren Eltern bekommen und durch sie von Gott. Das gilt auch für das gute, das gelingende Leben. Es kommt uns von Gott her entgegen: Das Brot Gottes, das nicht nur unseren Leib nährt,

sondern auch unsere Seele, unseren Geist und unseren Glauben, kommt vom Himmel. Es ist ein Geschenk, das wir nur empfangen können. Das Brot Gottes können wir uns nicht nehmen, geschweige denn raffen. Das Brot Gottes kommt vom Himmel herab und gibt der Welt Leben. Nicht mir allein; nicht meiner Familie allein; nicht den Christen allein; nicht den Deutschen allein. Das Brot Gottes, das vom Himmel herabgekommen ist, gibt der Welt Leben, allen Menschen - den Schwarzen und den Weißen, den Christen und den Nichtchristen - Juden, Muslimen, Hindus und Buddhisten und allen anderen unter dem weiten Himmelszelt. Das Brot Gottes ist unerschöpflich, es reicht seit Adam und Eva für alle Menschen.
Das Brot Gottes nährt uns an Leib und Seele. Es hat im Johannesevangelium einen ganz bestimmten Namen: Jesus. Er sagt von sich: Ich bin das Brot Gottes für das Leben der Welt. Dieses Brot ist unerschöpflich, weil Gott selbst die Quelle des Lebens ist - unerschöpfliches, ewiges Leben. Deshalb reicht es für alle. Es reicht auch für diejenigen, die Sorge haben, dass sie zu kurz kommen und deshalb alles für sich und ihre Freunde haben wollen. Wer sich vom Brot des Lebens nähren lässt, das Gott vom Himmel gegeben hat, der braucht sich keine Sorge um sein Leben zu machen. Für diesen Menschen ist schon gesorgt. Der braucht sich das Leben nicht zu greifen, braucht im vermeintlichen Lebenskampf die Ellbogen nicht auszufahren. Der lebt in der Gewissheit, dass Gott ihm alles zum Leben gibt, was er braucht. Das ist für mich der Inbegriff des guten, des gelingenden Lebens: Dass ich das Zutrauen zu Gott haben kann, dass alles, was ich wirklich zum Leben brauche, vom Himmel herabkommt.

Dieses Zutrauen wünscht ihnen

Unterschrift Pfarrerin Gudrun Holtz

ein Brotleib