An(ge)dacht: Seligkeit

Liebe Leserinnen und Leser!


„Sie dürfen nicht alles glauben, was Sie denken!“ Wenn alle diesen Ausspruch von Heinz Erhardt ernst nehmen würden, dann gäbe es deutlich weniger Autounfälle und weniger unglücklich Verliebte. Unser Verstand ist ja in der Lage, die unglaub- lichsten Dinge zu denken. Er kann uns zum Beispiel einreden, wir seien absolut erfahrene Autofahrer und hätten auch schwierige Verkehrssituationen selbst bei hohen Geschwindigkeiten noch im Griff. Er kann uns auch einreden, dass wir völlig unattraktiv und langweilig sind und dass sich deshalb kein Mensch ernsthaft für uns interessieren wird. Wohl dem, der das nicht alles glaubt. Eine andere Fähigkeit unseres menschlichen Verstands ist es, dass er auch über den eigenen Horizont hinaus denken und zum Beispiel über Gott nachdenken kann. Aber auch da ist es vielleicht gut, Heinz Erhardt beim Wort zu nehmen. Viel zu oft schon haben Menschen einfach ihre eigenen Wertvorstellungen, ihre persönlichen Ängste und Ansichten Gott untergeschoben. Viel zu oft schon haben Menschen be- hauptet (und vielleicht sogar geglaubt), Gott sei für den Krieg, wenn nur die richti- ge Partei ihn anzettelt, gegen Sexualität und wissenschaftliche Erkenntnisse. Im- mer wieder denken wir Menschen, dass Gott unseren Gebeten Taten folgen lassen müsste—und wenn er es nicht tut, dass keine Lust oder

kein Interesse hat, für uns da zu sein. Leben uns Unbegreifliches zumutet. Ich glaube, auch wenn es um Gott geht, es ist gut, wenn wir nicht immer alles glau- ben, was wir oder andere denken. In der Bibel sagt Gott: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, ... sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.“ (Jesaja 55,8-9) Gott ist unendlich viel grö- ßer, besser und liebevoller als alles, was wir denken können (selbst wenn wir beim Denken den Verstand, das Herz, die Seele und den Bauch mit einbeziehen). Wir können uns ja schon kaum vorstellen, dass unsere Galaxie 100 Milliarden Sterne hat und dass es noch 1000 Milliarden anderer Galaxien im Universum gibt. Wie sollte dann der Gott, der das alles erschaffen und geordnet hat, in unseren Verstand hin- ein passen. Wenn wir Gott immer verstehen könnten, dann müsste uns das eher skeptisch machen. Denn dann könnte es sein, dass das, was wir Gott nennen, nicht Gott, sondern nur eine Wunsch– oder Angstvorstellung unserer eigenen Gedanken ist. Auch wenn wir Gott nie begreifen werden—über ihn nachzudenken haben wir drin- gend nötig, denn das hilft uns, zu begreifen, wie klein unsere Gedanken manchmal sind. Und es hilft uns, nicht immer alles so ernst zu nehmen, was wir denken.

Signatur-Clemens