An(ge)dacht: Fürchtet Euch nicht

Liebe Leserinnen und Leser!

„Wo die Liebe hinfällt…“ Bestimmt haben Sie diesen Halbsatz schon verwendet — oder selbst zu hören bekommen. Meist folgt auf diese Redewendung vielsagendes, ratloses oder empörtes Schweigen. Es scheint keine Worte zu geben, mit denen man diesen Halbsatz sinnvoll fortsetzen kann. Was soll man auch sagen. Wo die Liebe hin- fällt, das hat ja niemand in der Hand—ebenso wenig wie wir unsere anderen Gefühle in der Hand haben: Freude, Trauer, Wut oder die Angst. Wir können Gefühle zwar vor anderen verbergen, manchmal lassen sie sich auch ein wenig zur Seite schieben oder zudecken, aber letztlich haben wir keinen Einfl uss darauf: wir können sie nicht künst- lich herstellen und auch nicht wegzaubern. Selbst an Weihnachten, am Fest der Lie- be, fällt die Liebe nur da hin, wo sie eben hinfällt—trotz Lichtern und Geschenken. Ähnlich machtlos sind wir bei einem anderen Gefühl: der Angst. Wenn sie einmal da ist, haben wir kaum etwa gegen sie in der Hand. Ist sie erst einmal da, können wir ihr zwar mit Versicherungen und Beteuerungen und gutem Zureden begegnen. Doch letzten Endes lässt sich die Angst damit allerhöchstens zudecken, aber nicht vertrei- ben. „Fürchtet euch nicht!“ Dieser Satz ist einer der wichtigsten in der biblischen Weihnachtsgeschichte. Kaum ein Krippenspiel, in dem er nicht zitiert wird. Ich habe mich gefragt: Ist Weihnachten dann auch nur ein schöner, gutgemeinter aber letzt- lich hilfloser Versuch, dem beizukommen, was uns im Innersten beschäftigt? Nicht mehr als eine Heile-Welt-Decke, die wir für eine Weile über unser Leben legen kön- nen? Ich glaube, Weihnachten ist mehr. Es macht nämlich einen Unterschied, wer das sagt: „Fürchtet euch nicht!“:
Hoch über dem Marktplatz
einer kleinen Stadt hatte ein Seiltänzer sein Seil gespannt und machte dort oben vor vielen Zuschauern seine gefährlichen Kunststücke. Gegen Ende der Vorstellung holte er eine Schubkarre hervor und fragte die Anwesenden: „Würden Sie sich meiner Geschicklichkeit anvertrauen, sich in die Karre setzen und von mir über das Seil fahren lassen?“ Da machte sich unter den Zuschauern ängstliche Stille breit. Plötzlich meldete sich ein Junge. „Ich setze mich in die Karre“, rief er. Unter dem gespannten Schweigen der Men- ge schob der Mann das Kind über das Seil. Als er sicher wieder unten auf dem Platz stand, fragte jemand den Jungen: „Sag, hattest du keine Angst da oben?“ - „Oh nein“, lachte der, „der mich über das Seil schob, ist ja mein – Vater!“ „Fürchtet euch nicht !“ Ich glaube, es macht einen unendlich großen Unterschied, ob irgendjemand zu uns sagt: „Du muss doch keine Angst haben!“ — oder jemand, zu dem wir eine vertrauensvolle Beziehung haben. An Weihnachten hören wir das von dem Gott, dem wir unser Leben verdanken und der uns in der unendlichen Weite des Weltalls einen kunstvoll gebauten Planeten als Lebensraum geschenkt hat. „Fürchtet euch nicht!“ - Wenn Gott das zu uns sagt, bedeutet das für jeden von uns: Mein Leben bedeutet Gott unendlich viel—obwohl ich ja nur ein kleines Pünktchen bin, das auf einem Pünktchen im Universum lebt. Gott kann es nicht ertragen, wenn wir am Ziel vorbeileben. Er gibt alles dran (sogar sein Gott-Sein) und wird Mensch, damit das nicht passiert. Und der Grund dafür? „Wo die Liebe hinfällt…“ Ich glaube, Gott kann und will gar nicht anders, weil er selbst die Liebe ist.

   
   
Signatur-Clemens