An(ge)dacht: Bibel tut gut

Liebe Leserinnen und Leser!

Die Sprache wird das kleinste Problem, hatte ich mir gedacht. In Englisch war ich in der Schule immer gut gewesen. Aber an einer englischen Universität zu studieren und Englisch nur noch „in freier Wildbahn“ zu hören, das war dann doch etwas anderes: in allen möglichen Dialekten (von Schottisch bis Nordenglisch), im Originaltempo und vor allem ohne die Möglichkeit, auf Deutsch nochmal nachzufragen, war mir die englische Sprache dann doch fremder als gedacht. In den ersten vier Wochen verstand ich nur die Hälfte von dem, was die Leute mir sagen wollten — in Vorlesungen und Seminaren noch weniger. Das war ganz schön anstrengend und manchmal auch frustrierend, aber ich hatte keine Wahl: ich musste es versuchen. Also habe ich so aufmerksam zugehört, wie ich konnte, und versucht, möglichst viel aufzuschnappen. Mit der Zeit, fast ohne dass ich es bemerkte, klappte das immer besser, so dass ich mich irgendwann sogar dabei ertappte, auf Englisch zu denken.
Ich erzähle das, weil es einem, wenn man in der Bibel liest, ganz ähnlich ergehen kann. Man liest Worte in einer Sprache, die man eigentlich beherrscht — und doch kommen einem die Texte und ihre Gedankenwelt immer wieder fremd vor. Man hat Mühe, herauszufinden: Was will mir das sagen? Aber wenn man dran bleibt, sich immer wieder damit auseinander setzt, vielleicht sogar die gleichen Texte immer wieder liest, dann kann es
vorkommen, dass es einem irgendwann wie Schuppen von den Augen fällt und man feststellt: dieser fremde Text redet ja mit mir! Nehmen wir den Monatsspruch für September aus Matthäus 18. Jesus sagt dort:
Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Beim ersten Lesen mag einem dieser Satz wie ein erhobener Zeigefinger vorkommen: In den Himmel kommst du nur, wenn du unschuldig bist wie ein Kind. Dafür musst du dein Leben erstmal gehörig ändern. Wer sich aber mit diesem und anderen Texten der Bibel immer wieder auseinander- setzt, wer immer wieder hinterfragt und zu verstehen versucht, was die Bibel ihm sagen will, der wird irgendwann feststellen: Sie redet nicht moralisch. Sie will uns nur dabei helfen, die Wahrheit über uns selbst herausfinden. Dazu gehört zum Beispiel die Einsicht, dass wir auch als Erwachsene noch abhängig sind wie Säuglinge von ihren Eltern: und zwar von Gott. Ohne ihn könnten wir nicht leben. Aber wenn uns von ihm sagen lassen: „Du bist mein geliebtes Kind — so wie du bist, mit allem, was zu dir gehört“, dann sind wir dem Sinn unseres Lebens am nächsten. Unter dieser Voraussetzung klingt der Satz aus dem Matthäusevangelium ganz anders:
Lass dich von Gott beschenken und lieben — unbekümmert wie ein Kind — dann bist du dem Himmel am nächsten.

   
   
Signatur-Clemens