An(ge)dacht: Beten

Liebe Leserinnen und Leser!

Die letzten Worte eines Menschen haben in der Regel ein besonderes Gewicht. Obwohl nie sicher ist, ob der Betreffende sie auch wirklich gesagt hat, sagen sie doch eine Menge über ihn aus. Humphrey Bogart zum Beispiel soll gesagt haben: „Ich hätte nicht von Scotch auf Martini umsteigen sollen.“ Ein schönes letztes Statement für einen großen Zyniker. Von Goethe stammt angeblich der Satz: „Mehr Licht!“ - viel- leicht der Anfang für ein letztes, unvollendetes Gedicht. „Wir sind Bettler, das ist wahr“, soll Martin Luther mit letzter Kraft gesagt haben. Auch keine schlechte letzte Charakterisierung für einen großen Theologen, dessen Lebenswerk darin bestand, den Menschen bewusst zu machen, wie sehr sie auf Gottes Gnade angewiesen sind. Und Jesus? Kurz vor seinem Tod an Kreuz, seelisch und mit den Kräften am Ende, kommt ihm ein alter Psalmvers in den Sinn: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
(Psalm 22, Markus 15,34). Sind das angemessene letzte Worte für einen Menschen, der sein kurzes Leben allein Gott gewidmet hat? Passt das zu einem der alles riskiert hat, um den Leuten zu zeigen: „Gott ist da, in eurem Leben, näher als ihr glaubt!“? „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Ist das nicht das fi nale Eingeständnis, dass die eigene Mission auf ganzer Linie gescheitert ist? - Ich fi nde, es ist genau das Gegenteil davon. Dieser Satz ist das Zeichen einer unfassbar starken und zähen Hoffnung, die sich nicht kleinkriegen lässt:
Jesus betet. Er redet mit seinem Gott. Obwohl Gott ihn (nach menschlichem Ermessen) schmählich im Stich gelassen hat, obwohl er von Gottes Nähe nichts mehr spüren kann, redet er noch mit ihm. Er redet ihn sogar mit „mein Gott“ an. Gerade als wollte er sagen: Gott, du wolltest einmal, dass ich lebe. Du hast gesagt, dass ich dein Kind bin. Und du hast es zugelassen, dass ich dich, den Allmächtigen, mit „Vater“, ja sogar „Papa“ anrede. Du hast versprochen, dass du für mich da bist. Aus der Nummer lasse ich dich jetzt nicht mehr raus. Alles, was mein Leben ausgemacht hat, ist mir genommen worden: mein Auftrag, meine Freunde, meine Würde—und jetzt nehmen sie mir auch noch das Leben. Aber meine Hoffnung auf dich können sie mir nicht nehmen, mein Gott! „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Mit seinen letzten Worten hat Jesus das Kreuz zum Hoffnungszeichen gemacht. Er hat uns eine Ermutigung hinterlassen, mit Gott zu reden—auch wenn er uns meilenweit entfernt scheint. Eine Ermutigung, Gott im Gebet in die Pfl icht zu nehmen, wenn seine Nähe in unserem Leben nicht mal mehr zu erahnen ist. Ihn an seine Menschenfreundlichkeit zu erinnern, wenn die Würde von Menschen mit Füßen getreten wird. Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich vom Kreuz Jesu ermutigen lassen, mit Gott zu re- den—allen Zweifeln zum Trotz. Und dass Sie im Gebet erfahren können, was Jesus zum Schluss auch erfahren konnte: „Du bist doch mein Gott!“

 

   
   
Signatur-Clemens